Erinnerungskultur in Potsdam

In einer demokratischen Erinnerungskultur sind Gedenkorte und Gedenkzeichen an Faschismus und nationalsozialistische Diktatur von großer Bedeutung. Sie zeigen die Orte der Verfolgung, aber auch die des Widerstandes auf. Gedenkorte und Gedenkzeichen dienen der Anerkennung, der öffentlichen Würdigung und dem Gedenken für Personen, die zum Teil unter gefahrvollen Lebensumständen für eine bessere Welt gekämpft haben oder gar mit dem Leben bezahlen mussten.
Während in der BRD den ehemaligen Spanienkämpfer_innen die gesellschaftliche Anerkennung verwehrt wurde, war die Erinnerungskultur in der DDR eine politische Konstante, teilweise allerdings mythisiert und mit Pathos geprägt. In Potsdam gibt es heute nur noch einen Standort, der als Gedenk- und Erinnerungsort fungiert. Der Gedenkstein am Treffpunkt Freizeit befindet sich jedoch in einem erbärmlichen Zustand und ist als solcher nicht mehr zu erkennen. Die Stadt zeigt kein Interesse an einer würdevollen Instandsetzung, der Gedenkstein steht somit symptomatisch für die Erinnerungskultur in Potsdam. Eine Gedenkstele für den gefallenen Walter Junker, die sich am Vorplatz des Bahnhofs Griebnitzsee befand, ist im Zuge der Umgestaltung von der Deutschen Bahn als Eigentümer demontiert worden. Von den zahlreichen Straßenumbenennungen ehemaliger Antifaschist_innen und Spanienkämpfer_innen nach 1989 blieb zumindest die Eduard-Claudius-Straße erhalten.

Der Spanienkrieg – kurzer Abriss

Unterstützt durch große Teile des Militärs, durch Faschisten aus anderen europäischen Ländern, durch Kirche und Monarchisten beginnen im Juli 1936 fünf spanische Generäle den Aufstand gegen die spanische Republik. Sie hoffen, die Fehler und Schwachstellen der jungen spanischen Demokratie ausnutzen zu können, die erst 1931 als zweite Republik die Monarchie besiegte. Außerdem berufen sie sich auf die Unterstützung von Hitler und Mussolini. Die Republik reagiert unsicher und ruft erst zögernd zur Niederwerfung des Putsches auf. In den großen anarchistischen und sozialistischen Zentren antworten selbstorganisierte Milizen mit der Gegenwehr. Bald bestätigt sich jedoch, dass auf spanischem Boden nicht nur ein klassischer Bürgerkrieg geführt wird, sondern hier kurz vor dem Zweiten Weltkrieg die Faschisten das erste europäische Schlachtfeld bilden. So senden Deutschland und Italien den Putschisten Soldaten und Waffen. Um die Republik zu retten, organisieren sich die Internationalen Brigaden, in denen Antifaschist_innen aus den Vereinigten Staaten, Skandinavien, Großbritannien, der Sowjetunion, Frankreich, Deutschland, Jugoslawien und vielen anderen Ländern kämpfen, um den Vormarsch Francos zu stoppen. Knappe drei Jahre hält die Republik der Übermacht der Faschisten stand, im Frühjahr 1939 jedoch ist die Republik besiegt und Franco errichtet sein Regime. Unter den tausenden deutschen Antifaschist_innen, die den Konzentrationslagern entronnen waren und die in fremden Ländern im Exil lebten, waren auch Potsdamer_innen, um an der Seite der Republik für ein freies Spanien zu kämpfen.

BrigadaInternacional

Antonia Stemmler

Auch Antonia Stemmler steht für das Verschwinden antifaschistischer Persönlichkeiten aus der Öffentlichkeit. Zu DDR-Zeiten waren in Potsdam unter anderem eine Schule und eine Straße nach ihr benannt. Anscheinend war auch sie der Kommission für Straßenumbenennungen des neuen demokratischen Deutschlands ein Dorn im Auge. Hier noch mal ein biografischer Abriss ihres Lebens:

Stemmler, Antonia
6. November 1892 Hilterfingen/Schweiz – Mai 1976 Kleinmachnow
1894 mit Familie nach Deutschland übergesiedelt, 1916 Lehrerin Volksschule Berlin Moabit, 1929-1931 Sekretärin in der Abteilung Auslandskorrospondenz Spanien Verlag Rudolf Mosse, 1933 KPD, 1933 Emigration in die CSR, Januar 1936 in Prag verhaftet, nach Entlassung wohnhaft in der Schweiz/Hilterfingen, August 1936 ohne Aufenthaltsgenehmigung nach Paris, April 1937 nach Spanien, in Spanien mit ihrem Mann Ernst Goldstein, Service Sanite Lazarett Murcia, auch in Magoria und Barcelona Krankenschwester, nach Frankreich, Internierung in Gurs, 1941 Auslieferung an Gestapo, KZ Ravensbrück bis Januar 1943, KZ Auschwitz, während des Todesmarsch von Roter Armee befreit, nach 1945 Landrat in Belzig, Vorsitzende des Rates eines Kreises, Vaterländischer Verdienstorden in Silber, 1961 invalidisiert, am 12. Mai 1967 wegen ihres außergewöhnlichen Einsatzes mit der Florence-Nightingale-Medaille des Internationalen Roten Kreuzes ausgezeichnet, auf dem Ehrenhain des Neuen Friedhof in Potsdam beerdigt

Bilder vom Spanienkrieg

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Hans Marchwitza

Hans Marchwitza steht exemplarisch für viele Spanienkämpfer_innen, welche erst nach 1945 nach Potsdam gezogen sind. Hans Marchwitza starb 1965 in Potsdam-Babelsberg, er ist aber auf dem Zentralfriedhof in Berlin-Friedrichsfelde beerdigt. In Potsdam erhielt unter anderem ein Kulturhaus seinen Namen nach ihm. Heute ist er wie viele andere Antifaschisten auch in Vergessenheit geraten. Anbei ein biographischer Abriss:

Marchwitza, Hans
25.6.1890 Scharley/Oberschlesien – 17.1.1965 Potsdam
Bergmann, Arbeiterdichter, 1914 Soldat im Weltkrieg, 1918 Republikanischer Soldatenwehr, 1919 USPD, während des Kapp-Putsches Zugführer der Roten Ruhrarmee, 1920 KPD, Arbeiterkorrespondent bei verschiedenen Zeitungen, Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller, 1930 erschien sein erstes Buch, 1933 Emigration in die Schweiz, Ausweisung nach Frankreich, 1936 nach Spanien, XI. IB, André-Bataillon, Leutnant, an den Fronten Albacete und Teruel, XIII. IB, Tschapajew-Bataillon, März 1937 durch die Gestapo zur Festnahme ausgeschrieben, September 1937 verwundet, Kulturkommissar des Sanitätsdienstes,1937/38 KP Spanien, Oktober 1938 nach Frankreich, Internierung in diversen Lagern, 1941 Flucht, 1941 Emigration in die USA, Straßen-, Bau- und Gelegenheitsarbeiter in New York, 1946 nach Deutschland/Stuttgart, 1947 Übersiedlung nach Potsdam, 1950 Mitbegründer der AdK, 1950 Botschaftsrat der DDR in der CSR, Schriftsteller, 1960 Dr. phil. hc. Durch die Humboldt-Universität zu Berlin, Vizepräsident des Deutschen Schriftstellerverbandes.

HansMarchwitza